Politische und religiöse Stifterbilder des Berliner Patriziats

von Albrecht Hoffmann

Stifterbild

Franziskanerkirche 1

Politische und religiöse Stifterbilder des 15. Jahrhunderts aus der Franziskanerkirche und das Repräsentationsbedürfnis des Berliner Patriziats anhand der Familie Blankenfelde

Nachdem in der Klosterkirche im Jahr 1412 ein Gedächtnisbild für den im Kampf gegen die Pommern zu Tode gekommenen fränkischen Grafen Johann von Hohenloch (1) angebracht worden war, wurde ein politischer Paukenschlag inszeniert, der nicht ohne Wirkung blieb. Der Nürnberger Burggraf Friedrich VI., Hauptmann und Verweser der Mark, der spätere Markgraf Friedrich I., signalisierte mit der Aufhängung des Tafelbildes für seinen Gefolgsmann in der Klosterkirche die landespolitische Bedeutung geschehener Kämpfe. Der Klosterkirche „fühlte sich der neue Landesherr offensichtlich von Anfang an besonders verbunden“ (2). Hier in dieser Kirche fand 1415 die Erbhuldigung statt und hier wurden auch die Landtage abgehalten. Das Stifterbild des Grafen Johann von Hohenlohe zeigt seine politische Bedeutung sehr klar. Nicht einmal vor dem Schmerzensmann legt er seine Waffen ab.

So wie Christus, der Schmerzensmann, sein Blut in den Kelch der Kirche zum Heil aller vergossen hat, so hat der Graf Johann von Hohenlohe durch seinen Einsatz am Kremmener Damm symbolisiert, dass er sein Blut für die zu befriedende Mark vergossen hat. Dies war jedermann auf Ständetagen und bei anderen offiziellen Anlässen in der Klosterkirche vor Augen. Paul Blankenfelde, Bürgermeister von Berlin und Ratsherr der Stadt, im Berliner Stadtbuch für die Jahre 1401 bis 1436 dokumentiert, hatte all diese Ereignisse der Zeit bewusst erlebt und durchlitten war nun nach der Vereinigung der Städte Berlin und Cölln sicher auf einem Höhepunkt seiner politischen Entwicklung. Bereits 1412 hatte Berlin nicht aber Cölln (3) auf der Seite des Markgrafen gestanden und ihn militärisch unterstützt. Die Berliner hatten in langen Auseinandersetzungen mit den Quitzows ihre Handelswege und Güter (feuda ), die vor der Stadt lagen, schützen wollen, was nicht gelingen wollte, da die landesherrliche Gewalt versagte. Als schon einmal im Jahre 1402 die Herzöge von Pommern im Verbund mit der märkischen Ritterschaft in den Barnim einfielen, befehligte 1403 Paul Blankenfelde den Heerbann der Stadt in der Prenzlauer Fehde als Kapitän (…“capitaneus in expeditione contra Prenzlow…“ (4). Nach dieser nicht erfolgreichen Expedition hatte Berlin den Versuch unternommen die märkische Ritterschaft gegen Bezahlung zum Schutz der städtischen Interessen einzubinden. Das kostete die Stadt 80 Schock böhmischer Groschen im Jahr. Man feierte dies in Berlin als großes Ereignis. „Item ihr habt gesehen wie die reichen und namhafftigsten zu Berlin // und Cölln Dieterich Quitzow zu scheinbaren und kostlichem essen geladen, ihm zu ehren den tisch mit schönen frauen und seitenspiel gezieret. Und wer ihn nicht zu tische kunte laden, ward nicht unter den reichen geacht, sondern von ihrer geselschafft ausgeschlossen“(5). Paul Blankenfelde und seine Frau N. Stroband (6) konnten zu Tisch bitten. Ihre Familien waren sicher die Initiatoren in der Angelegenheit. „Item ihr habt gesehen, wie sie ihn auf den abendt mit laternen, fackeln, und freudengesengen zu seiner herberge gefurt und begleitet haben. Item ihr habt gesehen, wie sie ihm offte einen abendtantz mit schonen gezierten jungfrauen und weibern zu ehren gehalten und welschen wein geschenckt haben. Und kurtz davon zu sagen: Was hetten ihm die Berlinischen mehr thun sollen und mögen, das sie nicht gethan hetten.“ (7) Dennoch hielt das Bündnis mit den Quitzows nicht, was bei der gegensätzlichen Interessenslage nicht verwunderlich war. 1410 kam es zum offenen Bruch. Mit der Übernahme der Mark durch die Hohenzollern sah Berlin trotz mancher damit verbundener Probleme eine Chance die Quitzows zu zähmen. Berlin war an die Seite Friedrichs getreten (8). Nachdem im Jahr 1414 in den Wintermonaten die Burgen Friesack und Plaue geschliffen waren und der „Tand aus Nürnberg“, wie die Quitzows meinten, sich als eisern erwiesen hatte, war die Lage um Berlin und in der Mark ruhiger geworden. Die Berliner hatten das Ihre dazu beigetragen. Die Glocke der Marienkirche war zum Beispiel eingeschmolzen worden für die Waffengänge (9). Paul Blankenfelde hatte diesmal auf der Seite der Sieger gestanden. 1415 fand in der Klosterkirche im Herbst die zweite Huldigung statt. 1432 waren sogar die Städte Berlin und Cölln vereinigt und weitere Bündnisse zur Sicherheit der Stadt geschlossen. Jetzt sah Paul Blankenfelde die Zeit gekommen, an ein Stifterbild in der Franziskanerkirche zu denken. Dem neuen Kurfürsten Friedrich II., Eisenzahn, wollte er seine Familie vor Augen stellen. Kurz vor seinem Tode beauftragte er einen Maler mit einer Gedächtnistafel für seine Familie. In Hamburg kannte er manchen Maler, der das konnte. Zugleich sollte es mit einer Stiftung für die Franziskanerbrüder versehen werden, die für sein Seelenheil zu beten hatten. Ein solches Tafelbild sollte in der Franziskanerkirche hängen.

StifterbildEs zeigt den über 70 Jahre alten Paul Blankenfelde mit seiner Familie. Er ist als Bürgermeister deutlich dargestellt. Das Bild ist um 1440 zu datieren. Die Einbeziehung der Natur und Landschaft ist ein großer Wurf. Schwäne, drei an der Zahl, durchschwimmen eine Flusslandschaft (Spree). Die Schwäne sind eine Art Huldigung für den Stifter des Schwanenordens, den Markgrafen. Zwei Schiffe (wie Koggen im Wappenformat gemalt) liegen in einem Hafen vor einer Stadt mit imposanter Stadtmauer, die eher an Berlin als an Jerusalem denken lässt. Die auf dem Bild wiedergegebenen Burgen auf grünen Höhen spiegeln noch deutlich den Einfluss der Welt wieder, in der Paul Blankenfelde lebte. Trotz einer Kreuzigungsszene ist das Bild von hoher Zufriedenheit geprägt. Unter dem Kreuz stehen keine schmerzverzerrten Heiligen. Alles ist lyrisch still mit einer großen Liebe zum Detail. Man betrachte die ausbrechenden Maiglöckchen! Eine wunderschöne Gedenktafel, die heute noch in der Berliner Marienkirche erhalten ist. Hier zeigt sich bürgerliches Bewusstsein und ebensolche repräsentative Malerei. Von künstlerisch dunklen Jahren kann angesichts des Bildes nicht gesprochen werden. Der Fernhändler Paul Blankenfelde lebte von seinen Handelsbeziehungen nach Hamburg (Vergleiche die Koggen im Bild). Holz, Getreide (Berliner Roggen) wurden nach Hamburg geliefert und Tuche (aus Brügge) und Heringe aus Hamburg kamen zurück nach Berlin. Die Gewinnspanne war ernorm. Die Blankenfeldes haben repräsentiert und wollten das auch. Es ist nicht so, dass der Gedanke städtisch-bürgerlicher Repräsentation in Berlin zurücktrat (10). Das Tafelbild des Paul Blankenfelde ist nicht typisch für dunkle Zeiten in der märkische Malerei, die auch an franziskanischen Bildern nicht generell zu erkennen ist. Ob das Bild der Werkstatt des Konrad von Vechta zugeordnet werden kann (11), bleibt offen. Hennig Stroband und Paul Blankenfelde haben in Berlin als Bürgermeister gewirkt. Es ist nachweislich, dass eheliche Verbindungen in solchen Fällen die Beziehungen fördern sollten. Paul brauchte den Landbesitz um die Stadt, damit sein Holz- und Getreidehandel florieren konnte. Da seine Kinder gegen 1443 mit dem väterlichen Besitz neu belehnt werden, ist der Tod des Paul Blankenfelde um 1442 anzunehmen. Wenn wir in die Gesichter der Söhne des Patriziers Paul Blankenfelde sehen, blicken wir auch in Gesichter aus der Zeit des „Berliner Unwillens“.

Stifterbild

Hinter Paul Blankenfelde befindet sich auf dem Bild der älteste Sohn, der seiner Kleidung nach als Domherr zu definieren ist. Danach ist Wilcke Blankenfelde abgebildet, der eindeutig wie ein Bürger gekleidet ist (12). Sein Bruder Hans Blankenfelde ist ebenfalls urkundlich erwähnt(13). Er ist hinter Wilcke in bürgerlicher Kleidung dargestellt. Beide dürften wegen ihrer Bedeutsamkeit, die der urkundlichen Erwähnung zu entnehmen ist, in der ersten Reihe dargestellt sein. In der zweiten Reihe ganz verdeckt ist ein weiterer Sohn scheinbar wie der älteste Sohn als Geistlicher gekleidet. Ein anderer Sohn ist neben Wilcke dargestellt. Er steht verdeckt in der zweiten Reihe.

 

 

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