Stifterbilder nach 1500 und reformatorische Malerei auf Stifterbildern des 16. Jahrhunderts - PMKB - Patrizier Marienkirche Berlin -> Stifterbilder nach 1500

Epitaphbild Grieben

Als ein Werk, das „zu den bedeutendsten Werken der Kunst nach 1500 in Berlin“ gehört (15), ist die Tafel des Claus Grieben überliefert. Das Gemälde wird Nikolaus Winkler (Dürer-Schule) zugeschrieben. Die Inschrifttafel lautet: “Epitaphium Claus Grieben civis, qui obiit 1497 Donnerstag nach Simonis Judae et filii ejusdem Lucae, qui obiit 1503 nec non uxoris Elisabeth, quae obiit 1510“(16). Abgebildet sind sieben männliche und vier weibliche Personen. Ein Dominikaner ist eindeutig zu erkennen. Es ist vermutlich Johann Grieben. Claus Grieben selbst dürfte der Mann hinter der Hausmarke sein. Seine Frau Elisabeth, die 1510 starb, ist aller Wahrscheinlichkeit nach die weibliche Person links im Bild. Die Hausmarke ist wohl der Ehefrau Elisabeth zuzuordnen. Besonders hervorgehoben ist noch die Person hinter dem Dominikaner. Dies könnte der in der Inschrifttafel erwähnte Lukas sein. Ein Lukas Grieben wird 1502 anstelle seiner Ehefrau Sophia urkundlich genannt. Lukas kann also nicht der Geistliche sein. Ein Bruder ist noch bekannt, nämlich: Jakob. Jakob ist mit seinem Sohn, der übrigens auch Jakob hieß, rechts im Bild dargestellt. Sein Sohn Jakob steht leicht nach vorne gerückt vor ihm. Zwei seiner Schwestern waren verheiratet. Eine mit Nicklas Thum, die andere mit Hentz Rock/Roch. Die kleine weibliche Person wird eine Enkelin des Claus Grieben sein. Auf keinen Fall ist sie eine Nonne, wie Leh meint. Sie trägt offenes Haar und somit ist angezeigt, dass sie weder Nonne noch verheiratet ist. Ihr korrespondiert die kleine männliche Figur im Bild rechts. Ihre Gesichter entsprechen denen erwachsener Menschen. Die Figuren sind kleiner gehalten, um die Generationen zu kennzeichnen. Der ältere Jakob war mit Gertrud Tempelhof verheiratet. Nur von ihnen sind Kinder nachgewiesen. Beide Jakobs sind zu unterscheiden. Jakob II. dürfte hier als Enkel dargestellt sein. Weitere Enkel sind Joachim, Andreas und Martin, die alle später geboren wurden und nicht auf dem Bild sind. Ein Urenkel ist der Sohn von Jakob II., nämlich Andreas Grieben, der 1580 als Bürgermeister in Berlin erwähnt ist. Die Grieben gehörten zu den bedeutenden Familien in Berlin und führten ein Wappen. Claus Grieben wird noch am 11.Mai 1497 mit Paul Blankenfelde, dem Sohn des Thomas Blankenfelde als Ratsherr genannt(17). Ende des Jahres am 28.10.1497 ist er verstorben. Die auf dem Bild befindlichen Hausmarkendarstellungen auf dem Schild, sollten die einzelnen Persönlichkeiten deutlicher hervortreten lassen. Die Hausmarke von Jakob Grieben, dem Enkel, ist erhalten (18). Die Familie hatte Verbindungen in Nürnberg und Leipzig (19). Familiär und auch künstlerisch ist die Verbindung nach Nürnberg nachzuweisen. Das Bild wurde 1880 restauriert (20) und ist unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten. Der bekannteste und unglücklichste Enkel des Claus Grieben ist Joachim Grieben. Er war der Vertreter des Berliner Handelskapitals, das er mit der Gewerbesphäre und außergewöhnlichen Spekulationen verknüpfte. Der Kurfürst schuldete ihm mehrere tausend Gulden. Nicht nur seine Spekulationen, sondern auch die Schulden seiner Gläubiger haben Joachim Grieben ins Gefängnis gebracht. Grieben konnte wegen der ausbleibenden Schuldentilgung auch des Kurfürsten seine Schulden nicht mehr bezahlen. Bernt von Bredow, Komtur zu Werben, nennt die Grieben und andere Berliner Bürger in Schmähbriefen “aufgeblasene Betrüger, verrätherische Leute..., die alte und junge betrogen...“ (21).Also überfällt Bernt von Bredow Warenwagen von Berliner Bürgern, nimmt sich, was er braucht, da er unter den Berlinern Schuldner mit „2000 Thalern“ hat. Ihn trifft ein Kohlhaasurteil nicht. Joachim erhängte sich im Gefängnis im Jahr 1576 in aussichtsloser Lage. Die „Geschichte Berlins“ nimmt dies von Andreas Grieben an, was falsch ist (22). Das Haus der Familie Grieben wart die Nr. 4 Am Fischmarkt, wie unten stehende Karte zeigt.

Wie oben erwähnt sind es aber nicht nur Patrizierfamilien, sondern auch die Zünfte, die die Stifterbildtradition in Berlin weiterführten. In Berlin ist ein schönes Werk der Schuhmachergilde erhalten.

Das Gemälde, das Winkler zugeschrieben wird, die „Gefangennahme Christi“, ist eine Stiftung der Schuhmachergilde gewesen. Die Gilde führt im Schild ein Schumacherwerkzeug. Zu den Füßen des Gildevorstehers befindet sich der Schild. Die Darstellung des einzelnen Stifters weist hier auf den Gildevorsteher hin. Das Bild stammt aus der Nikolaikirche und ist durch spätere Restaurierung nicht besser geworden (23). Unterdessen hängt es in der Marienkirche. Es ist wohl um 1520 zu datieren. Schön hervorgehoben ist der Kriegsknecht mit seinem Standbein und dem neu aufkommenden Kuhmaulschuh.

Nach 1539 mit der Einführung der Reformation in Berlin und Brandenburg zeigen sich auf den Stifterbildern eindeutig reformatorische Themen. Dass sich bei den meisten dieser Bilder auf eine in Berlin wirkende Werkstatt des Monogrammisten M.R. schließen lässt, ist nicht generell nachzuweisen, aber auch nicht prinzipiell auszuschließen. Der als M. Reiber oder Michael Ribestein anhand eines auf seinem signierten Bild vorhandenen Reibstein erschlossene Name ist für das Jahr 1539 als Neubürger in Berlin nachgewiesen. Als Maler dürfte er mit der Cranachwerkstatt bekannt gewesen sein. Andrerseits ist auch niederländischer Einfluss deutlich. Seine eigene Handschrift ist also „von gewisser Kraft und Sicherheit“ (24)

Ein „Weltgerichtsgemälde“, das Hans Tempelhof gewidmet ist, wird Ribestein zugeschrieben (25). Es ist ins Jahr 1558 datiert. Eine Beeinflussung durch die von Wittenberg geprägte reformatorische Malweise ist sichtbar. Farbtöne (26) und die Kinderdarstellung erinnern an die Cranachwerkstatt (27); insbesondere an L. Cranach d. J. Da nicht alle Ribestein zu geschriebenen Bilder mit einem Monogramm versehen sind, ist nicht zwingend an Ribestein festzuhalten. Auch die Krodel –Werkstatt (ebenfalls Cranach Schule) könnte mit den Bildern in Berlin in Verbindung gebracht werden. Aber Ribestein hat sehr gute historische Bezüge für sich (s. u.) Die Weltgerichtsmalerei hat eine lange Tradition (Lochner, Bosch, van der Weyden, Cranach, van Leiden, Bellegambe u.a.) und erfordert bestimmte Motive: Schwert und Lilien, der auf dem Regenbogen thronende Christus, die Sphäre der Erlösten und der Bestraften, Himmel und Hölle also, das Motiv des Erzengels und anderes mehr. Auf unserem Bild zeigen sich aber typische reformatorische Themen.

So wird der Papst dargestellt, wie er die Sphäre der Seligen deshalb verlassen muss, weil er den Gläubigen den Kelch vorenthalten hat und ihnen Ablassbriefe ausgestellt hat. Die Darstellung der Bibel , vor der der Stifter kniet. Die biblischen Zitate und die Inschrift „die Sünde“, die im Zusammenhang mit dem Tod auf die Lutherübersetzung, der „ Tod ist der Sünde Sold“, hinweist, sind deutliche reformatorische Elemente.

Selbst eine versteckte bisher unbekannte Lutherdarstellung ist im Tempelhofepitaph erkennbar. Luther, vom Teufel ergriffen, klammert sich an die Bibel als dem Glaubensgrund seiner Rettung.

Das Epitaphbild des Hans Tempelhof d. J. ist mehrteilig aufgebaut gewesen. Der untere Teil mit der Inschrift und Stifterdarstellung ist bildlich erhalten. Er zeugt vom aufkommenden bürgerlichen Bewusstsein. Auf dem Tafelbild des Hans Tempelhof d. J. sind Hieronymus, Thomas, Jakob und Bartholomäus Tempelhof dargestellt. Letztere handelten Zobel und Edelsteine, die über Nowgorod, Danzig, Stettin ihren Weg nach Berlin fanden. Auf dem Bild sind die Genannten noch gut situiert. Beschlagnahme von Waren, Geld und Wertgegenständen, wie Zobelfälle und Schmuck, beim „Einfall“ der kurfürstlichen Beamten Joachims II. vom 4.08.1567 und ebenso die Kaperung eines Schiffes brachte die Familie ins Unglück. Auch die Grieben haben in dieser Zeit mit anderen Berliner Bürgern Schuldscheine, Schmuck Münzen und Edelmetalle verloren. Wie fadenscheinig die amtlichen Argumente waren, sei dahingestellt. Die Blankenfeldes klagen gegen Thomas, Hieronymus und Barthold Tempelhof. Es fehlt an flüssigem Geld. Auch aus dem Grund verkaufte Hans d. J. das seinem Vater gewährte Privileg des unteren Stadtgerichts bereits früher an die Stadt Berlin für 2250 Gulden (28). Tempelhof gehörte der Tuchmachergilde an und war einer der Kastenherren, die Zugang zur Stadtkasse hatten. In finanziellen Dingen wurde ihm hohes Vertrauen entgegengebracht. Verheiratet war er mit Anna Reiche (Ryke) (29), die aus alter Berliner Patrizierfamilie stammte. Im Haus von Hans Tempelhof an der „Langen Brücke“ wohnte 1552 Lampert Diestelmeyer mit seiner Familie. (30) Auf der Frauenseite des Epitaphs ist Ursula Tempelhof dargestellt. Sie war mit Dr. Heinrich Goldbeck dem kurfürstlichen Rat und Vicekanzler, verheiratet. Er stammte aus Werben an der Elbe, studierte und promovierte in Bologna.

Sein Vater Andreas Goldbeck (siehe Epitaph) schenkte den Werbenern eine Lutherbibel mit Einträgen von Luthers Hand. Sie ist heute noch in der Kirchengemeinde Werben vorhanden. Dort in Werben ist das Epitaph, das es übrigens auch in Stendal gibt und das außergewöhnliche Ähnlichkeiten mit dem Berliner Tempelhofepitaph hat, erhalten. Es ist ebenfalls ein Weltgerichtsgemälde. In Werben hängt die Inschrifttafel noch unter dem Bildteil des Epitaphs, wie man sich das auch für Berlin denken muss.

Der dreiteilige Aufbau der späteren Epitaphbilder zeigt sich in Berlin sehr schön an dem Epitaph des Peter Matthias und der Anna Blankenfelde, einer Tochter des Thomas Blankenfelde.

Das Epitaph in Werben ist stilistisch anders als die Bilder in Berlin, aber die reformatorische Malweise der Cranachschule ist sichtbar. Goldbecks hatten Verbindung zur Cranach-Schule und zur Dürerwerkstatt. So weist zum Beispiel ein Buch der Familie Goldbeck Bilder, die Cranach und Dürer zugeschrieben werden, aus. Auch der Eintrag eines Malers Hans Schultz ist verzeichnet.

Trotz verschiedener Malerpersönlichkeiten setzt sich in dieser Zeit das reformatorische Bildprogramm durch. Dafür gibt es hinreichende Beispiele. Im Tempelhofepitaph und im Werbener Epitaph knien die vom Erzengel befragten Seelen der Stifter vor und auf einem Buch.

Goldbeckepitaph (Werben) Tempelhofepitaph

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf beiden Bildern sehen wir die Höllenburg. Die Höllenburg findet sich bereits vorreformatorisch 1435 im Weltgerichtsaltar bei Lochner in Köln. Höllenburgen wie im Tempelhofepitaph und im Werbener Epitaph sind vorreformatorisch ebenfalls bei Hieronymus Bosch (1504) zu sehen. Über Köln und die Niederlande finden sie Eingang in die Berliner Malerei. Joachim Patinir, der flämische Maler, malt ebenfalls um 1510 Höllenburgen. Luther liebte das Motiv nicht. Dennoch ist es ein reformatorisches Motiv geworden. Die Malerei war stärker. Die reformatorische Malweise und die niederländische Beeinflussung des Berliner Tempelhofepitaphs sind auch in weiteren Motiven erkennbar.

Dies sei hier am Vergleich mit einem „Jüngsten Gericht“ des Lukas van Leiden gezeigt (31).

Während hier eine Frau vom Teufel am Fuß ergriffen wird, geschieht dies im Tempelhofepitaph einem Mann.

Die Puttenengel, Farbtöne und besonders die Kinderdarstellungen (s. u.) weisen in die Cranachschule. Im Mehlmannepitaph und im Tempelhofepitaph sind Kinder mit Spielzeug abgebildet (s. u.).

Die Inschrift „die Sünde“ findet sich im Werbener Epitaph und im Mehlmann- Epitaph.

 

Das Berliner Tempelhof Epitaph hat seinen Namen nicht vom Apotheker Tempelhof wie Tosetti schreibt, sondern von Hans Tempelhof, dem Jüngeren. Die Jahreszahl 1558 zeigt an , dass das Bild anlässlich des Todes von Hans Tempelhof dem Jüngeren in Auftrag gegeben wurde. Er starb 1557. Stifter könnte der Sohn Hieronymus sein, der Bürgermeister, der um 1580 Berlin in Richtung Prag verlässt. In Prag gab es Beziehungen über Goldbecks Neffen zum Kammergericht. Suchte man dort Hilfe gegen die Klagen?

Hans Tempelhof d. Ä. hatte ebenfalls einen Epitaph, dessen Inschrift noch heute erhalten ist.

Darauf ist seine Familie dargestellt. Er war vom Kurfürsten nach der Erweiterung des Rates durch die Zunftbürger noch mit dem unteren Stadtgericht belehnt worden.

Damals gelang der Familie ein glänzender Aufstiieg, was auch Schlusssteine in einem Berliner Haus (Spandauer Str. 21) zeigen (P. Knüvener).

Rund 150 Jahre nur haben die Tempelhofs in Berlin zu den führenden Kreisen gehört. Die Berliner Spur der Familie verliert sich später.